Steinpfeiler Holzzelle

Die Steinpfeiler von Kloster Holzzelle

von G.S.Düll


Steinsäulen Holzzelle

Es war einst ein Mönch zu Sittichenbach, jung und von adliger Herkunft. Auf der väterlichen Burg ging es eng zu denn  es waren dort viele Kinder und nur eines konnte erben. Was blieb nun für die anderen übrig? Sie mussten ausziehen und lernten auf Herrenschlössern ritterlichhöfische Sitte und zogen in Kämpfe wo sie sich Ehre, Goldbeute und vielleicht auch ein begütertes Jungfräulein mit einem Stück Land erworben. Doch auch Sie mussten vor dem Flug in die Welt so ausgestattet werden, das man ihnen nicht gleich ansah das sie von einer Waldburg stammten.

So blieb denn noch einer übrig, der jüngste und feinste, für den reichte es einfach nicht mehr.  Das Los der letztgeborenen in jener Zeit! Ihnen blieb nur das Kloster. Und selbst das wurde beneidet. Umsonst war auch damals nur der Tod – und der kostet bekanntermaßen das Leben. Doch da saß ja ein Vetter der Sippe auf dem weitberühmten Kloster Sittichenbach als Abt, der Mitra und Insul tragen durfte zum Zeichen, daß das Kloster gelte vor anderen und sein Oberster einem Bischof gleichzuhalten sei. Und war auch die Sippe nicht reich, ihr Name hatte doch seit ewigen Zeiten einen guten Klang und das alte, schlichte Wappen hing an vielen pergamentenen Briefen neben denen von großen Landherren, seit es brauch geworden war, das Zeichen des Hauses in Siegel zu schneiden, um zu beurkunden, das die Träger des Wappens als ehrenfeste Zeugen zur Mitsiegelung so manches wichtigen Vertrages geachtet und beigezogen worden waren.

Ein alter, guter Name und die gewichtige Fürsprache des Dominus Abbas (Hausherr des Klosterbesitzes) taten darum auch dem jungen Sigizo von der Waldburg die Tür des mächtigen Zisterzienserklosters auf. Die Pforte zu mancherlei Ehren – denn teilte nicht der Letzte des Klosters das Ansehen der Stiftung? Und des Abtes Vetter und der Sohn eines geachteten Geschlechts war wahrlich nicht der letzte im Kloster.

Ob aber auch die Pforte zum Frieden?
Es war ganz schön im reichen Kloster. Groß und weit waren die Gärten und die Teiche, auf denen die Mummelrosen blühten. Auch viel größer waren Räume und Gänge und sogar die Zellen, als die daheim auf der verräucherten und engen Burg. Und doch – um all die Größe zog sich des Klosters Mauer, zog sich der Ordensregel ehernes Band, das kein sehnsuchtsvoll pochender Herzschlag sprengen mochte.

Zuerst schlug ja nur des in Waldesfreiheit flügge gewordenen Burgfalken Herz so bang. Drüben über der Klostermauer rauschte der Wald. Rauschte wie daheim – und doch ganz anders. Zuerst wars ein lustiges Raunen und das wogende Geäst winkte „Komm!“ Und keiner hatte den Jungherrn gehalten, wenn er dem bekannten Waldwinken folgte. Der Wald auf der Höhe über Sittichenbach aber, der rauschte so traurig und es klang wie das Lied vom versunkenen Paradies.
Zuerst war es nur das bange Sehnen des frei geborenen Edelfalken, dem die Flügel gebunden waren.

Dann aber kamen Tage und Nächte, in denen das Herz in wildem Drange pochte. Im Holz gurrte der Täuber und im Gebüsch um die Klosterteiche hörte man süß die Nachtigall singen! In ihm erwachte eine neue, unbekannte Sehnsucht.

Dort hinter dem Wald war es gewesen. Wo Sittichenbacher Acker an den Feldbesitz der Frauen vom Hornburger Kloster, allgemein die Holzzelle genannt, anstößt. Der junge Pater Henricus – der Name Sigizo war vergessen und schwebte nur noch wie ein Seufzer um der Heimatburg Giebel – Henricus, des Abtes lieber Vetter, war hinaus geschickt worden um des Klosters Leute und die dienenden Brüder bei der Frühsaat zu beaufsichtigen. Der Frühling jubelte durch den Wald. Aber noch lauter jauchzte hinter der lichtgrünen Waldecke eine süße Stimme. Eine Menschenstimme. Und in der Erinnerung des jungen Mönches stieg der Waldfrühling der Heimat auf und das Singen der Schwestern am Abend unter der Burglinde draußen vor der Brücke. Eine Mädchenstimme sang. Sang so froh die Weise vom Vogelweider:

„Vor dem Wald in einem Tal
sang so süß ,
sang so süß die Nachtigall!
Tandarandei!“

Plötzlich verstummte die Stimme. Und es ward eine Stille, sodaß man ebentönig strafende Worte herüberdringen hörte, nicht erregt, aber recht herrisch. Grad an der Waldecke flatterte um eine hagere Gestalt der Schleier. „Die Holzzeller Äbtissin!“ sagte der Vorknecht und sein schon faltiges Gesicht bekam noch ein paar Falten mehr, so als hätte er Holzbirnessig getrunken.
Und doch sang die holde Stimme weiter. Sang immer und immer im Pater Henricus fort. Jubelte über den ernsten Boten und Responsorien (Antwortgesänge) der Vesper. Und als weiche Schatten vom Wald herüberwoben und den Abendfrieden ums Kloster spannen – da sang die Stimme immer noch durch die Gärten und die Büsche um die Teiche. Und Henricus hob den Holzladen vorm Fenster seiner Zelle, die ihm nie vorher so eng und feucht erschienen war und seines Herzens schier unstillbares Sehnen – – seine junge Liebe zu der Unbekannten, seine sündige Liebe zur Gottesbraut dort drüben, dort hinterm Wald, schwang sich über doppelter Klostermauern Bann, zu ihr!

Aus den Teichen stiegen die kalten Nebel und schlangen ihr feuchtes Gewind um die Nachtigallenbüsche, das die süße Sängerin erschauernd schwieg. In die Zelle schlichen sie sich und legten sich drückend auf das Sehnen des jungen Mönches – „Wie ist so dicht der Schleier!“ – – –

Wer leitet der Menschen Geschicke? War es der Dominus Abbas? Oder wer war`s? Ja, doch, es war der Abt gewesen. Der hatte seinen lieben jungen Vetter, den Pater Henricus, als Boten gesandt. Auch hinter den Klostermauern und unter der härenen Kutte ist noch das stolze Menschenherz. Der infulierte Abt achtete auf die Ehre seines Namens und der junge Pater war doch blutsverwandt trotz aller Klostergelübde Absage. Des alten Hauses Name sollte auch in des Klosters Geschichte Klang und Glanz bekommen. Und so wurde der junge Mönch schon frühzeitig als Gesandter des Abtes ausgeschickt, das er in den weitreichenden Geschäften des Klosters bescheid wußte.
Früh, in des Morgens Herrlichkeit wandert Henricus durch den Wald. Oberhalb des Klosters blickt er zurück, schaut über Giebel und Türmchen und dampfende Teiche, hinaus ins weite Tal der Rohne, über dem gen Mittag fern überm alten Grenzforst die Schmücke, vom Abend her die Hainleite im Morgendunst schimmert, auf all die bunten Dörflein, aus deren Schornsteinen Morgenrauch sich kräuselt. Immer wieder erfreut er sich an der Schönheit der Natur.  Aber heute – heut´- was soll ihm das alles? Heut´geht er nach der Holzzelle! Als gehorsamer Mönch, dem der Abt es befohlen. Als nichts anderes. „Gehorchen ist das Erste – ich hab mich stumm geneigt.“
Als nichts anderes?

Fern soll mir stehen Minne,
und steht mir doch so nah!
Es steht ein Kloster im Tale . . .“

Wie oft hat er´s die Tage vor sich her gesagt und sich dann zu dem entsagenden Schluß durchgerungen:

„Vale carissima!“

Leb wohl, leb wohl, du Geliebte! Und doch – und doch! Und heute geht er nach Holzzelle auf des Abtes Geheiß. Und soll mit der harten Domina dort reden und harte Verhandlungen über Grenzen und Gräben und den Jagdbann führen. Er wird sie mit „Salve Domina“ ansprechen, aber sein Herz wird eine ganz andere grüßen, eine die er nicht kennt aber nach der er solche Sehnsucht verspürt. „Sei gegrüßt, Herrin, du süße Fraue!“
Durch den Wald klingen die Glocken von Holzzelle. Sie läuten zur Matutin. Und noch ist nicht das letzte Anschlagen zur Ehre des Dreimalheiligen verklungen, so kniet der Abgesandte des Sittichenbacher Klosters im Schiff der Kirche in der „Zelle“. Am Hochaltar waltet der Capellan seines Amtes. Und da – hinter dem Gitter ihres Oratoriums singen die Klosterfrauen den Antiphon – da singt über allen die eine Stimme – ihre Stimme! „Salve Regina!“ Und im Herzen des Mönches unten im dämmernden Langhaus singt es und jauchzt´s: Salve regina – du Königin, sei gegrüßt! Aber nicht der allerseligsten Himmelskönigin gilt der anbetente Gruß – ihr, ihr! Des Mönches sündige Liebe, doppelt sündige Liebe, die einer Nonne gilt.

Lang haben die Verhandlungen mit der Herrin des Klosters hinterm Sprechgitter am Gastspeisesaal gedauert. Und nicht alles war erreicht, was das Sittichenbacher Kloster erreichen wollte. Lang, viel zu lang hatte Henricus das harte, ebentönige Reden der Äbtissin mit anhören müssen, das keinen Augenblick auch nur irgendeine Regung verraten hatte. Aber sollte es nicht so sein? Als er in sein Kloster zurück wanderte, liefen vor ihm mit einem Male die Holzzeller Frauen. Und wenn er auch den Schritt verlangsamte, hörte er doch den Gesang der einen: „Tandaradei!“. Die Äbtissin war ja nicht da. Und als sie am Waldesrand einbogen, da musste er an ihnen vorrüber. Die Schleier der Klosterfrauen verhüllten ihre Gesichter. Aber wer kann sich gegen den Frühlingswind wehren, der mit den uralten, zwingend gewaltigen Naturmächten verwandt ist? Der Träger ist und Bote der Liebe?

Er lüftete den Schleier, der das süßeste Antlitz barg, gerade den Schleier der jungen Nonne Hiltgundis, der holden Sängerin.

Wer leitet der Menschen Gedanken, läßt Herz in Herz fließen? Wer führt die Menschenkinder auf ihren Wegen? Auf oft so verworrenen Wegen? Auf Pfaden, die nach seligen Höhen zu führen scheinen und führen doch in Tiefe und Tod?

Keiner kann heute mehr berichten, wie es geschah. Es ist keine Tür so fest verschlossen und keine Mauern sind so hoch gebaut, das die Liebe nicht Mittel und Wege findet. Auch kein Menschenverbot und nicht die starre Satzung der heiligen Kirche kann verhindern, das zwei junge Seelen zu einer geworden sind. Junge Menschenherzen, die himmelstürmend mutig sind und stark! Die ihr Menschenrecht fordern – und durchsetzen! Eine unselig selige Liebe, die im Waldtal unter Holzzelle nur einen kurzen, köstlichen Sommer dauerte.

Und dann kam der Herbst und die Stürme zausten das Laub von Baum und Strauch. Und wo samtener Teppich war, der den Tritt unhörbar gemacht, da raschelten dürre Blätter, wenn nur der Fuß sich rührte. Und wo der Holunderstrauch unter der Mauer noch letzte heiße Umarmungen vor Blicken geschützt hat, da ist nun dünnes Gezweig.

Vorsorglich wandelte in stürmischer Nacht die Äbtissin den Mauergang des ihr anvertrauten heiligen Bezirks entlang, ob auch alle Feuer gelöscht sind, damit sich kein Funkenflug im alten Giebel- und Sparrenwerk einnistet und sich angefacht durch den Sturm kein Feuer entwickelt.Das Mondlicht glitt durch die Buchen am Talhang und wurde durch das vorbeihuschen von Wolkenschatten kurz verdeckt. War das ein raschelnder Igel der im Laub jagde? Nein, das konnten nur Menschenschritte sein. Wieder leuchtet der Mond, leuchtet herab auf das helle Gesicht eines jungen Mannes mit grüßenden Augen. Ein Winken herauf zum Kloster – und da – am Buchenstamm ein wehender Schleier – eine weiße Hand – vale carissima – leb wohl für heut´, du Geliebter. Der Mann dreht sich um, er trägt die Tonsur! Ein Mönch! Und die, die sich nun dem Kloster zuwendet – Hiltgundis, die Nonne von Holzzelle!

Wo gegen die heilige Schrift frevelhaft gehandelt wird ,da schützt auch der bekannteste Name nicht mehr. Und  der Dominus Abbas ist jetzt kein Verwandter mehr, sondern nur noch der verantwortungsvolle Diener der Kirche. „Fluch über dein sündiges Lieben – Fluch über Frau Hildegund!“ Anathema esto! So klang es im Konvent zu Sittichenbach – so sprach in unabänderlicher Härte die Äbtissin von Holzzelle. Sie mußten so sprechen, es durfte nicht anders sein. Machten doch schon in der Gegend Gerüchte  vom Treiben der Klosterleute die Runde.

Unerbittlich ist das Gesetz. Klostermauern geben gottgelobtes Leben nicht mehr der Welt zurück. Und wo sündiger Lebenswandel, die heiligen Mauern umgeworfen hat, da schließt sich die harte, kalte Mauer desto enger um den Sünder auf das die Seele gerettet werde und der Leib sterbe!

Da, wo junge Liebe die letzten Grüße tauschte, am grünen Waldhang unter Kloster Holzzelle, da sind zwei mächtige Steinpfeiler aufgemauert worden. Auf den einander abgewandten Seiten gähnen düstere Nischen. –  Grüfte für lebendig begrabene. Vom Kloster her geleitet die Äbtissin mit ihren Frauen die junge Nonne Hiltgundis, die dem Himmelsbräutigam die treue gebrochen hatte und nun den furchtbarsten Tod erleiden muss. Vom Talgrund her zieht ein anderer düsterer Zug, um Henricus zur Steingruft zu bringen. Henricus, der sterben muß, weil er leben wollte. Klosterarbeiter mauern die schrecklichen Grabkammern zu – höher und höher – ein letzter Lichtstrahl sonnigklaren Spätherbsttages – letzte dumpfe Hammerschläge. Oben am Klostertor schließen sich still die Flügel hinter dem Chor der Frauen, daß das Gebet nun erst recht klingt wie verhaltenes Schluchzen: „Herr, erbarme dich!“ Die Sittichenbacher schreiten schwer zurück in den Wald. Media in vita in morta sumus – amare morti ne trados nos! Laß uns nicht versinken in des bitteren Todes Not.

Einsam stehen diese Pfeiler. Zwei blühende Leben sind ausgeschlossen von den Lebendigen. Kein Schall dringt zu ihnen als des eigenen allzu sehr nach dem Glück verlangenden Herzens Schlag – namenlos sehnendes Rufen, das doch das andere nicht erreicht – bis es ganz stille wird ….

Einsam stehen die beiden gewaltigen Steinpfeiler am grünen Talhang im Wald, einzige Reste des Holzzeller Klosters. Dunkelrot ragen sie hervor, wie durchdrungen vom Herzblut zweier, die mit ihrem Leben nahezu unverstandene Schuld büßten.

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