Waldbrunnendorf

– Erdeborn, das Waldbrunnendorf –

 

Quelle: Erich Neuß, Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld – Im Seegau

 

Erdeborn

Erdeborn

Als vor vielen, vielen hundert Jahren die fränkischen Bekehrer durch die Pforte des Weidatales und über den uralten Passweg, welcher von Riestedt über die Bärenhaut nach Eisleben führt, hinabstiegen zu den Ufern des “mare salsum”, fanden sie am Westende dieses Sees, zwischen Schilfsaum und Waldrand, in einer nach Süden gewandten Lichtung des sich zu den Höhen im Südwesten hinaufziehenden Forstes ein Dorf, das die Bewohner Hardabrunno, das Dorf bei dem Waldbrunnen nannten. “Hart” ist das alte deutsche Wort für einen bewaldeten Höhenzug, und der Brunnen, um den sich die Gehöfte scharten, ist der Kirchborn, der heute noch dem Kirchberge entquillt. Ob wir nun Erdeborn als ein Platzdorf mit ausgebautem Kern oder schlicht als eine Gehängequellsiedlung bezeichnen, bleibt sich gleich; es ist nach Gründung und Anlage ein deutsches Dorf und war vor allem beinahe bis ins 18. Jahrhundert hinein ein Seedorf. Nicht viel früher war der Wald zurückgewichen, der von den Höhen des Silberhügels und des Holzberges bis hinab zur heutigen Eisenbahnstrecke reichte: von West nach Ost das Bodenhausische Holz, Das Fürstenholz, das Schulenburgsche und das Theuerjahrsche Holz. Diese Holzungen, die östlichen Ausläufer der Wälder des Hornburger Rückens, wurden erst im Jahrhundert des großen Krieges gerodet. Heute ist die Flur Erdeborn gänzlich entwaldet. Aber sie hat dadurch nicht an Reiz verloren. Sie ist bergiger, gebirgsnäher als die Fluren der Dörfer, die wir bisher durchwanderten. Erdeborn liegt zwar noch in der fast 10 Kilometer langen Talmulde, die der See nur zu einem Teile ausfüllte, am Fuße des Hornburger Sattels, der sich noch auf dorfeigener Flur fast 130 Meter über dem Mundloch des Erdeborner Stollens erhebt, während sich im Norden die Äcker und die “hohen Raine” über den weithin sichtbaren Höhenzug des Windmühlen- und des Steinberges und über den Höllenberg hinziehen. Rot ist die Farbe der Erdeborner Flur: rot von den Verwitterungserden der oberrotliegenden Sandsteine, rot von dem bunten Sandstein, aus dem sich das Mansfelder Land zu einem guten Teile aufbaut. Die Nähe des Zechsteinuntergrundes – zwischen Oberrotliegendem und dem Bundsandstein – aber kündigt sich an durch die großen Erdfälle, den “Scheffel” im Kalbstal, den Biering für erwähnenswert hält, den um 1890 entstandenen Erdfall auf dem Seeplatze und einige ältere, fast eingepflügte am Lüttchendorfer Wege. Ungemein bewegt ist die Landschaft um Erdeborn, und die Namen, die an ihr haften, sind ein Stück seiner Geschichte. Einsame Feldschluchten führen hinauf nach Hornburg, aber es sind mit wenigen Ausnahmen Trockentäler; nur der Nonnengrund und der Zellgrund werden noch von Bächen durchrieselt. Am Otterberge schauen verlassene Schieferhalden weit ins Land, und die Lichtlöcherhügel des Erdeborner Stollens und die Schachthalden über seinem westlichen Querschlage, der Bärloch-Sohle sind höchst melancholische, brombeerübersponnene Reste einstiger Bergbetriebsamkeit. Weinberge waren in alter Zeit die nördlichen Höhen über den Seewiesen, und auf dem Pfingstanger am späteren Wilhelminenschacht tanzte das junge Volk seine Frühlingsspiele. –Alte Heidensteine, Wahrzeichen naturhafter Gläubigkeit, erhoben sich hier und da in der Flur: der “lange Stein” an der Lüttchendorfer Grenze und ein ebensolcher, noch aufrecht stehend, weit sichtbar, auf dem Zellberge (Höhe 178,5). Jenseits, über dem Zellgrunde, aber stand auf dem Galgenberge noch lange auf einer 10 Ellen hohen Stange das Rad des Richtplatzes. Hier ward noch am 2. Februar 1808 einer aufs Rad geflochten: “der bekannte vorsätzliche Feueranleger in der Grafschaft Mannsfeld”, Phillip Jammermann, wie er in einer gleichzeitigen Flugschrift genannt wird. Für 30000 Taler Brandschaden sollte er angerichtet haben, als man ihn bei einem solchen Verbrechen im Amte Erdeborn fasste, 2½ Jahre gefesselt in Untersuchungshaft hielt und ihn zur Enthauptung und Verbrennung verurteilte. Aber ihm ward die unverdiente Gnade eines natürlichen Todes und so blieb nur noch die grausige Zurschaustellung des entseelten Verbrechers. “Hier bleibt dieser Körper liegen und wird auf lange Jahre ein warnendes Beispiel abgeben!” schloss jene Flugschrift.

Berühmt war der Steinberg über dem Salzsee östlich des Dorfes wegen seiner Ansammlung genagelter Braunkohlequarzite. Hunderte solcher Blöcke, die alle mehr oder weniger die Spuren des uralten Volksbrauches trugen, lagen hier herum, die Sage hatte sich ihrer bemächtigt, leider nahm sich die Heimatschutzbewegung ihrer zu spät an, um diese merkwürdigen “Kesselinge” alle vorm Zerschlagenwerden zu schützen. Ein Schäfer mit seiner Herde sollte hier versteinert worden sein, weil er der saligen Frau Hertha, der Brotspendenden Mutter Erde von seinem Brote mitzuteilen sich geweigert. Und schließlich mag noch des wüsten Westdorfs (1197 Westerendorf) gedacht werden, das im westlichen Winkel der Flur am Helftischen Wege lag; ob es ein wieder aufgegebener Ausbau von Erdeborn war oder seinen Namen als westlichstes Dorf des alten Burgwartbezirkes Schraplau zu Recht trug, das wissen wir nicht. Aber die Flurnamen “Wüste Breite” und “Gottesacker” bezeichnen bis heute genau seine Stelle.

“Ein schönes Dorf, so über etlich und 50 oder 60 Bauern hat. Hat gar eine schöne und herrliche Gelegenheit nach aller Lust und Notdurft als irgend ein Ort im Mansfeld‘schen Lande, des Ackerbaues und Weide, Fischerey und Holzes und nuhemehr auch Weinwachs halben.” Mit diesen Worten spricht Cyriacus Spangenberg das Dorf an, das, von wo wir es auch immer betrachten mögen, diesem hohen Lob bis in die Gegenwart gerecht wird. Es ist ein Bauerndorf geblieben, und die saubere Zuckerfabrik an der Lustgartenbreite unterstreicht nur noch seine bäuerliche Art. Seine Straßen sind bergig, oft eng, aber sie alle führen in den Kern des Dorfes, den die früheren Rittergüter, der Gasthof, der Teich und die alle überragende Kirche bilden. Vorm Gasthof liegt der Bauernstein, zwei mächtige Platten aus rotem Oberrotliegenden. Die Kirche hat ein schlichtes, langgestrecktes Schiff, aber einen ungemein wuchtigen und breiten Turm, dessen Schallöcher leider arg verschandelt sind. Wenn wir uns die Erdeborner Brand- und Trauertage von nur 150 Jahren herzählen – 6. Mai 1635, 5. Oktober 1636, 1642 (die Kirche wird von den Kaiserlichen angesteckt), 1646, August 1665, 26. Januar 1676, 25. September 1724, Oktober 1760 – dann dürfen wir freilich nicht erwarten, in der St. Bartholomäuskirche irgendwelches Altertum und bemerkenswertes Kunstgut zu finden. Spärliche Reste romanischer Bauformen an den Rundbogenöffnungen zwischen Turm und Langhaus, die Fenster des graden Altarraum-Abschlusses, das ähnlich wie in Bennstedt, mit vielen kriegerischen Abzeichen und Waffen geschmückte Denkmal des 1719 verstorbenen braunschweigischen Majors Christian Wilhelm v. d. Streithorst, das ist neben einem vorreformatorischen Kelch begreiflicherweise alles, was nach solchen Schicksalen übrig blieb. Als im Jahre 1665 der Pfarrer Johann Schmidt sein Amt antrat, fand er das Kirchengebäude mit Stroh gedeckt, die Mauern durchlöchert, den Fußboden aufgerissen, der Turm war nur noch eine brandgeschwärzte Ruine und die Glocken hingen in einem Gerüste auf dem Kirchhof.

Karl Heine, der den “Wandertag an den beiden Mansfelder Seen” schrieb, hat uns auch eine ausführliche Geschichte des Dorfes Erdeborn im 5. Bande der Mansfelder Blätter hinterlassen. Sie ist so umfassend in der Verarbeitung aller Quellen, dass selbst die Auffindung einiger ungedruckt gebliebener Teile von Spangenbergs Chronik nicht viel Neues ergeben konnte. Aber dieser erzählt ausführlicher als Heine von den Erdeborner Adelsfamilien der vorreformatorischen Zeit: von den Herren v. Erdeborn, die eigentlich aus den Reveningischen Ministerialen-Stamme kamen, von den Reckes, die dem Grafenhaus mehrfach treue Diener und Räte und dem Dorfe Erdeborn gar einen Pfarrherrn (Conrad Recke 1300) stellten, auch die Klöster Helfta und Wiederstedt um ihres Seelenheiles willen gelegentlich beschenkten; von den Leubichen “gute vom Adel”, die das spätere Watzdorfsche Gut in Erdeborn innehatten, von den Junkern v. Höhnstedt und v. Ryder, die vermutlich den Leubichen im Besitz gefolgt sind. Im Jahre 1534 gehörten von den vier Ritterhöfen des Dorfes zwei den Herren von Reveningen, die sie zwar vom Erzstift Magdeburg zu Lehen trugen, mit denen sie aber sonst den Grafen dienten; das andere gehörte einem Clemens Heugel, während das vierte Peter v. Höhnstedt zuständig war.

Erdeborn ist im Jahre 1335, als Graf Burchardt VII. die Herrschaft Schraplau erkaufte, mansfeldisch geworden. Bei der ersten mansfeldischen Erbteilung (1420) fiel es an den Grafen Volrad II., der es im Jahre 1431 mit Zustimmung seiner Vettern aus den beiden anderen Linien zur Leibzucht seiner Gemahlin Anna v. Gleichen fügte. Die zweite Erbteilung von 1501, brachte Erdeborn zum Oberamt Eisleben und damit zur hinterortischen Linie des “Reformationsgrafen” Albrecht IV. Durch ihn wurde es mehr als andere Dörfer der Grafschaft in den Brennpunkt der politischen Kämpfe und der Glaubensstreitigkeiten gerückt. Hier saß auf seinem Gute seit 1527 einer der vier Caspare der Grafschaft Mansfeld. Solange sie – nämlich Caspar Güttel, Pfarrer an S. Andreas zu Eisleben, Kanzler Caspar Müller in Mansfeld, Caspar Schmidt, Rentmeister des Grafen Albrecht zu Eisleben, und Kaspar v. Watzdorf, gräfl. Rat auf Erdeborn, am mansfeldischen Hofe Platz hatten, war es gute Zeit in der Grafschaft. Bedrängte Jahre kamen über unser Dorf, als Karls V. spanische Horden nach Mansfeld zogen, das Schloß zu belagern, als sie sengend, plündernd, schändend das Land zwischen Saale und Harz durchstreiften, als die geängstigten Bewohner sich in den Schilfwäldern der Seen verbargen und die grausig-heimliche Rache der Gepeinigten an ihren Peinigern nahmen: die ergrimmten sächsischen Bauern empfingen sie redlich, erzählt Spangenberg, wenn sie sahen, “ daß der Spanier etwan so viel, daß sie deren mächtig sein können, in die Dörfer gestreifet, sind sie dann heraus und hinter ihnen her gewesen, habe sie umringt, erschlagen, Steine und Klötze an den Hals gehänget, und also in den See versenkt, darüber dann derselben Hispanier sehr viel verloren worden, daß man nicht hat wissen können, wo sie blieben und hinkommen.”

Unter den ersten protestantischen Pfarrern Erdeborns, zu dem seit der Reformation übrigens Lüttchendorf am Süßen See als Zweig gelegt wurde, ist der Name Martin Rinckarts (24.4.1586 bis 8.12.1649) für immer mit dem Dorfe auf der roten Erde verknüpft. Wir kennen ihn zumeist nur als den Dichter des Chorals „Nun danket alle Gott“, aber wir denken nicht daran, dass allein schon durch die heilige Ebenbürtigkeit von Melodie und Dichtung der große Sohn Eilenburgs weit über seine auch choraldichtenden Zeitgenossen herausragt, dass er mit diesem Choral nicht nur ein vollendetes dichterisches Kunstwerk, das deutsche Tedeum schuf, sondern dass auch in ihm noch die Streitbarkeit der frischen, jungen Kirche dröhnt und braust wie in Luthers Liedern. Martin Rinckart ist, nachdem er schon seit 1610 als Kantor an S. Nicolai und seit dem Mai 1611 als Diaconus an der S. Annenkirche zu Eisleben wirkte, im November 1613 in das Pfarramt nach Erdeborn und Lüttchendorf berufen worden. Er hat hier unter angenehmen Verhältnissen sowohl zu seinen geistlichen Oberen wie auch zu den adligen Herrschaften, den v. Mengersen in Erdeborn und den Steuben in Lüttchendorf bis zum Herbst 1617 gewirkt, um dann einem Ruf in das Archidiaconat seiner Vaterstadt zu folgen. Wenn wir heute noch in den geistlichen Komödien blättern, die der dichterisch hochbegabte Magister und Pfarrer in Eisleben und in der ruhigeren dörflichen Abgeschiedenheit von Erdeborn geschrieben hat, in dem „Eislebischen Christlichen Ritter“, dem ersten einer geplanten Reihe von sieben dramatischen Stücken zur Verherrlichung der lutherischen Reformation und Luthers als ihres Helden, in dem dritten, dem „Indulgentiarius confusus“, oder „der unverschämte Ablasskrämer“, ferner in dem „Lutherus desideratus“, so tun wir das nicht um ihrer literarischen Bedeutung wegen, die wir heute nicht mehr recht würdigen können. Auch das Erfassen der bekenntnisgeschichtlichen Stellung dieser höchst merkwürdigen Schauspiele bedarf längerer gottesgelehrter Erörterungen. Aber dass sie so tief im Volkstume des meißnischen Geburtslandes und in dem der mansfeldischen Wahlheimat Rinckarts wurzeln, dass im „Indulgentiarius“ meißnische Bauern und mansfeldische Bergleute auftreten, handeln und sprechen und zwar in ihrer eigentümlichen Mundart, dass sie sich, wie es ja auch der Geschichtliche Gang der Dinge war, treuherzig und begeistert zur neuen Lehre Luthers bekennen, dass er sowohl im „Eislebischen Ritter“ als auch in dem literarisch sehr viel roheren, dramatisch aber durchaus schöpferisch gestalteten „Müntzerischen Bauernkrieg“ Bergreihen einflicht, das hat jene Komödianten nicht ganz verstauben lassen. Es ist freilich ein unzureichender Versuch, mansfeldisches Volkstum auf die Bühne zu bringen, aber er beweist doch, welchen Eindruck das eigenartige Völkchen in den Bergschächten und an den Seeufern auf den Erdeborner Pastor machte. Beide Stücke sind den regierenden Grafen von Mansfeld gewidmet, der „Indulgentiarius“ in „volckreicher Versammlung“ als Eislebisch.Mansfeldische Jubelkomödie im Festjahre 1627 zu Eisleben aufgeführt, und auch der „Eislebische Ritter“, eine der geistvollsten, wenn auch parteiischsten Dichtungen ihrer Art (Büchting), ist von den Grafen der Aufführung für würdig befunden worden. In dem Bergmann Glorius, in den Bäuerinnen und Bauern Tone, Pluhne und Matz des „Eislebischen Ritters“, in der Pluhne des „Indulgentiarius“, die von „harzländischer Sprache ist und „auch wol eine Nonne seyn köndte, als vorzeiten in Mansfeldischen Klostern gewesen ist“ -, in den mit der Fahrhose bekleideten Bergleuten dieses Stückes sah das mansfeldische Volk sich selbst, hörte sich sprechen und singen:


Das Bergwerk wolln wir preisen,
Weil Gott tut drin beweisen,
Daß er allmächtig sei;
Gar mancherlei Metallen,
In der Erd schaffen frey.
Das Silber und das rote Gold (Kupfer)
Wird aus ei´m Stein gehauen,
Ist lieblich anzuschauen,
Dem Bergwerk sind wir hold.

Auch aus der folgenden Strophe schallt der echte Volkston heraus, in den Kauen und auf den Bergfesten erlauscht, und in der Studierstube höchstens noch dichterisch ein wenig verfeinert und christmoralisch hergerichtet:


Wann Gott tut Erz bescheren,
Und uns damit verehren,
So freut sich jedermann:
Die weil alle zu gleiche,
Der Arm so wohl als Reiche,
Davon ihr Nahrung han.
Und wann man Lohnzeit halten tut,
Hört man die Bergleut singen,
Die Hämmerlein fröhlich klingen,
Und hab´n ein frischen Mut.

So ziehen die Bergleute singend wiederholt über die Bühne, der tönende Chor, der immer zur rechten Zeit erscheint, und durch sein fröhlich oder machtvoll Lied als echter Tatverbündeter dem Ritter Martin beisteht:


Bergleute: Strenger Juncker, halt uns zu Ehrn,
Möchte Ihr nicht gute Bergleut hörn?
Ritter Martin: Da recht, die hört mein Vater
Wo daher, ihr lieben Landsleut?
Bergleut´, Werckleut´, arbeitsam Leut´:
Macht was auf, ihr kommt eben recht,
Daß ihr mir mein Teufel verjächt (verjagt).

Und schon beginnen sie im freudigen Tone des „Christ der du bist der helle Tag“ ihren vielsätzigen Reihen, in denen die schwere aber vielseitige Arbeit in wundervoller Anschaulichkeit in den Ablauf christlichen Lebens und Tagwergs gestellt und der göttlichen Gnade anempfohlen wird:


Einer fährt aus, der ander ein,
Der bricht, der stürzt, der machet rein,
Der kleibt, der locht, plätzt zu, hefft´Keil:
Ein jedes hat sein Zeit und Weil.
Doch kömmt uns auch zu statt und Pfand
Die wunderstarke Gotteshand,
Die uns in dem Beruf und G´fahr
Behüt´und rettet offenbar.

Hören wir noch die Klage Ohm Früuffs, des mansfeldischen Bergmanns im „Eislebischen Ritter“, zugleich als Probe, wie Martin Rinckart die Mundart seiner Landsleute hörte und wiedergab. Ohm Früuff unterhält sich mit seinen bäuerlichen Nachbarn über das wüste Treiben der „Sau Petri“, der papistischen Pfaffen, des Pseudo-Petrus, der da „frisst, säuft, hurt und lebt wie ein Schwein und will noch heil´ger Engel sein!“ „Nackber“ Six fordert ihn auf , mit ihm zu Luthern zu gehen, aber zerschlagen von der harten Arbeit im Schachte und hungrig, entschlusslos gemacht durch die Leiden und die Bedrückung vieler Jahre und zweifelsüchtig, ob das Neue auch wirklich gut wäre, erwidert der Ohm:


So geh, da will ich bleiben lehn.
Ich bin so müde wie ein Hund,
Ha hüet ken Kruhm genomm in Mund
Und ha och nicht (dass Gott sa wissen)
Daheim in Hues zu essn en Bissn.
Ich tröste mich, und spreche nach,
Wie jener och saht zu Isenach,
Es kan esu nicht lang bestehn,
Das Regment wird bald ungergehn.
Wer weiß was Bruder Merten sat,
Er gab mer vor ein guten Rath,
Allein ich will der erst nicht seyn.

Über den Schicksalen Erdeborns im Dreißigjährigen Kriege schwebt mit Flammenschrift der Grundsatz Wallensteins: Der Krieg muß den Krieg ernähren; aber auch das Wort des Eisleber Stadtchronisten, wonach „des Herausschickens von Proviant“, womit er die Kriegsbeitreibungen j e d e r Art meint, soviel geworden, dass es zu weitläufig fallen würde, solches zu notieren“. Kein Wunder übrigens! Das große und reiche Dorf, heute, wenn wir von der Eisenbahnverbindung absehen, abseits der großen Strassen der Grafschaft gelegen, war damals allen Zugriffen und Durchzügen preisgegeben, denn der Weg von Halle wie auch von Merseburg nach Eisleben führte über Erdeborn. Dazu Pestseuchen, Hungersnot, Mord und Totschlag, Gefechte in nächster Nähe des Dorfes, so am 3. November 1636, wie überhaupt dieses Jahr das schlimmste von allen in dem traurigen Zuge der dreißig Elendsjahre ist. Die Grafschaft feierte indessen ihr Friedensfest erst am 7. September 1650; denn wenige Wochen zuvor war der letzte schwedische Soldat von der Festung Mansfeld abgezogen. Zwei Jahre noch nach dem Frieden von Münster trug das Land die Last der Einquartierungen, der Durchmärsche und der Kriegssteuern, dann erst sang man aus befreitem Herzens Rinckarts Dankeslied:


„Der ewig reiche Gott, woll uns bei unserm Leben Ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben.“

Nur wenige Worte zur Geschichte der Erdeborner Rittergüter. Das Gräflich Mansfeldische Amtsgut, d. h. das gesamte Amt Erdeborn mit dem Flecken Hergisdorf, den Dörfern Kreisfeld, Oberrissdorf, Lüttchendorf und der unter magdeburgischer Lehnshoheit stehenden Hälfte von Wolferode, wurde im Jahre 1602 den Gebrüdern Anton und Heinrich v. Mengersen wiederkäuflich veräußert. Durch Erbschaft kam es an den Tochtermann der Witwe Heinrichs v. Mengersen, an Julius Ernst v. d. Streithorst, und im Besitze dieser Familie verblieb das Amtsgut bis auf Christian Wilhelm v.d. Streithorst, den schon frührer genannten Braunschweig – Lüneburgischen Major von der Garde zu Pferde. Auf ihn bezieht sich die noch zu Pastor Heines Zeiten in Erdeborn gang und gäbe Redensart: „Du bist ein rechter Streithorst!“ Und Christian Willhelm war ein Streit-Horst, ein Prozesshansel schlimmster Sorte. Er führte gegen Alle Prozeß und um Alles: gegen die Grafen Hahn auf Seeburg wegen einer Jagdflinte, gegen Lewin v. d. Schulenburg wegen eines Zaunes, wegen eines Hundes und wegen Pflückung von Haselnüssen. Mit dem v. d. Schulenburg schießt er sich am helllichten Tage auf dem Acker mit Pistolen herum. Sein wider das Braurecht der Städte gebrautes Bier lässt er mit Gewalt in die Schraplauer Schenken legen und durch Gewalt ausschenken. Seinen Acker soll er, so fabelt man, hoch zu Roß sitzend in voller Rüstung besät haben. Er klagt sogar dagegen, dass sein, des Amts- und Erbherrn Namen in dem Fürbittegebet erst nach dem der Grafen von Mansfeld und ihrer Räte komme. Pastor Stützing ließ ihm einmal im höchsten geistlichen Zorne durch den Ortsschulzen und die Schöppen sagen: „Und wenn der Herr v. d. Streithorst ein noch größeres Tier wäre, so würde er doch nichts ändern!“ – nämlich an der Fürbitte. Die weiteren Inhaber des Amtes, das aber meist unterverpachtet wird, sind bis 1765 die v. Bünau, danach für vier Jahre Christoph Dietrich v. Arnstedt, von 1769 bis 1872 die v. d. Schulenburg und die Grafen von Schwerin, danach Rittergutsbesitzer Marckwald, 1900 Rittergutsbesitzer Krienitz. Heute ist es im Besitz der Familie Rusche.

Über die letzten Besitzer des Reveningischen Rittergutes und ihr Schicksal ward uns schon in Oberröblingen einige Kunde. Maria Katharina v. Schkölen, geb. v. Reveningen, hat hier alle Not und alle Qual ausstehen müssen, die der große Krieg nur je in schrecklicher Fülle über eine Landschaft, ein einziges Dorf, ja einen einzigen Edelhof ausschüttete. Sie berichtet – nur über einen Schadensfall unter den unzähligen, denen sie schließlich erlag: „Alß der Obriste Isalon (Isaloni) in der Grafschaft Mansfeldt Einquartierung gehabt, habenn wier ein Lütenant mit 10 Personen und 10 Pferden ins Quartier bekommen, haben 38 Wochen Quartier gehabt, und haben die Einlogirung acht Wochen ausgestanden, biß wir endlich davon gehen müssen undt Ein gants Jahr mit mein unmündigen Brüdern herumt gezogen, daß auch dorüber das Guet abgebrandt und in die Asche geleget worden.“ Durch ein Lehnunrecht wird sie, wie wir wissen, 1645 aus dem Gute ihrer Väter gewiesen, das sie bis zuletzt immer wieder hochzubringen versucht hat. Dieses Gut ist bis zum Jahre 1809 gleichfalls im Besitze der Familie v. d. Schulenburg gewesen, dann ging es nach mehrfachem Besitzwechsel, dem auch das Schulenburgsche Holz vorm Silberhügel zum Opfer fiel, endgültig in den Besitz der Familie Roloff über. Auch das alte v. Höhnstedtsche Gut befindet sich seit 1862 in Roloffscher Hand. Schließlich das vierte, bis etwa 1728 der aus Holland stammenden Familie v. Hoyquesloot gehörige und lange noch nach ihr benannte Gut, wurde nach wechselnden Besitzschicksalen im Jahre 1835 an Friedrich Ebeling aus Ritterode veräußert; heute gehört es der Familie Theuerjahr. Der erste namentlich genannte Besitzer dieses Gutes, der schwedische Leutnant, später Major, dann Obristwachtmeister Heinrich v.Hoyquesloot, wurde 1667 auf dem Markte zu Sangerhausen hingerichtet, weil er Hans Wilhelm v. Mohrungen erschossen hatte. Eine düstere, abenteuerliche Gestalt, dieser Heinrich v. Hoyquesloot, ein fremder Eindringling in das Morungische Haus, der ihm wie so manches andere zum Unheil gereichen sollte. In der Morunger Wäldereinsamkeit werden wir ihm wieder begegnen. Er ist dem Gewirre des Dreißigjährigen Krieges entstiegen, man weiß kaum wie und wann. Er taucht 1634 in Merlsheim im Stifte Paderborn auf, als dieses von den schwedischen Truppen besetzt wurde. Hier verheiratet er sich mit Margarete, der Witwe Anton Gabriels v. Oeynhausen. Dessen Gut, das als erledigtes Lehn an den Bischof von Paderborn zurückfällt, nimmt er gewaltsam in Besitz, und nur nach langwierigen Prozessen gelingt es 1655, ihn gegen eine Abfindung von 5800 Talern zum Verlassen des Gutes zu zwingen. Wohl auch mit diesem Gelde erwirbt er von den v. Gehofenschen Erben pachtweise das halbe Gut Obersdorf – das Gut zu Erdeborn besitzt er seit 1634 – und gerät alsbald mit seinem sehr schwierigen Nachbarn Hans Wilhelm v. Morungen in Uneinigkeit und Streit. Als beide am Nachmittage des 12. Februar 1667 von einem Besuch beim Obersten Pegom (Pegow?) in Emseloh wegreiten, geraten sie wohl in einige Zwistigkeiten; der v. Hoyquesloot zieht sein Handrohr und schießt mir nichts dir nichts kurz vorm Dorfe Riestedt auf dem Kaltenbornschen Triftraine seinen Begleiter durchs Herz, der sofort tot ist. Eine erhebliche Ursache für sein Handeln vermag der Mörder später nicht anzugeben. Im Sommer 1667 empfängt er durch den Scharfrichter den gebührenden Lohn.

Trotz der vier Rittergüter ist Erdeborn ein Bauerndorf geblieben, in dem der mittlere bäuerliche Besitz immer von Bedeutung gewesen ist. So lässt sich die Geschichte des nach den Rittergütern größten Anspänner-gutes, des Theuerjarschen bis zum Jahre 1623 zurückverfolgen, und seit dieser Zeit befindet es sich in der Hand ein und derselben Familie. Es zeugt von dem Heimatbewusstsein und dem Ackerstolze dieses Geschlechtes, dass es 1901 den Erdeborner Pastor Karl Th. G. Axenfeldt, den später berühmten Vorkämpfer für äußere Mission und Generalsuper-intendenten der Kurmark, mit der Erforschung seiner Geschichte beauftragte. In der Erdeborner Flur erinnert der Name „Theuerjahrsches Holz“ am Galgenberge an den um 1770 gerodeten Waldbesitz der Familie.

Ein Fischerdorf ist es, wie alle Seedörfer, nicht mehr, was es längst nicht in dem Maße gewesen wie Amsdorf oder Röblingen. Aber die Erdeborner Fischerei wurde in beiden Seen betrieben. Wenn wir im Erbbuche des Oberamtes Eislebenvon 1534 lesen, dass „diesem Dorf von den alten Grafen zu Mansfeld nachgelassen sei, auf beiden Seen zu fischen“, so könnten damit die Grafen althoyerischen Stammes gemeint sei; es soll aber nur bedeuten, dass die Erdeborner Fischereigerechtigkeit sehr alt sei. Großzöger der bereits für 1534 bezeugten Erdeborner-Lüttchendorfer Fischer-Kompagnie, Kleinsteller und Rohrfischer trieben in diesem westlichen Teile des Salzsees ihr Wesen, gerieten sich auch oft über den Umfang des Fischerei-rechtes in die Haare und verwickelten sich in langwierige Prozesse, von denen Otto Krümmling vergnügliche und kultur-geschichtlich höchst aufschlussreiche Berichte gegeben hat. Noch ehe der salzige See selber in die Tiefe floß, war die Erdeborner Fischerei erstorben. Schon 1823 soll es in Erdeborn kaum noch Einwohner gegeben haben, die sich mit der Fischerei beschäftigten, und am 1. September 1869 teilte der Gemeindevorsteher von Lüttchendorf dem Landrate mit, dass auch in seinem, am Süßen See gelegenen Dorfe kein Fischer mehr wohne. Zwar gehört der Erdeborner Anteil der Fischerei auf dem Süßen See heute der Gemeinde Lüttchendorf, aber sie hat ihn an Aseleber Fischer verpachtet. Wenn wir nach den Gründen des vorzeitigen Erlöschens der Erdeborner Fischerei fragen, so finden wir sie in dem Fehlen eines gesetzlichen Fischereischutzes während der überfreiheitlich gesinnten ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, in der Verkleinerung der im Amte Erdeborn belegenen Seeteile durch Versumpfen und Verlanden, in dem Absterben der alten Fischerfamilien und in der Verdrängung der Erdeborn-Lüttchendorfer Großzöger durch die Fischerkompagnien zu Amsdorf und Seeburg.

Zwei Berühmtheiten hat Erdeborn noch aufzuweisen, die beide, so möchte man sagen, auf dem Kirchhofe und in der Nähe des Pfarrhauses aufgewachsen sind: eine botanische Seltenheit und einen tüchtigen Geschichtsschreiber. Jene ist der kretische Andorn, eine wohl zur Zeit der Kreuzzüge nach hier verschleppte südeuropäische Pflanze, die mit wenigen Ausnahmen nur noch auf dem Kirchhofe zu Erdeborn wächst, ein Lippenblütler, sehr sonnenbedürftig, nicht anspruchslos hinsichtlich der Bodenfeuchtigkeit, aber eigenartig in seiner bescheidenen äußeren, etwas „mädchenhaft zarten“ Erscheinung, obwohl die Staude fast kindshoch werden kann. Pflanzenfreunde und Kenner wandern gerne nach Erdeborn, diesen seltsamen Gast aus den Mittelmeerländern zu betrachten.

Die andere Berühmtheit ist Karl Dietrich Hüllmann, am 10 September 1765 im Pfarrhause zu Erdeborn geboren, der Geschichtsschreiber des deutschen Stände- und Städtewesens im Mittelalter, als Geschichtslehrer aber weit über diesen Rahmen hinausgreifend in die gesamte ältere und neuere politische, Rechts- und Kulturgeschichte des Altertums bis zur Geschichte seiner Zeit und des Staates, dem er als erster Rektor der 1817 neu gegründeten Universität Bonn bis wenige Jahre vor seinem Tode (4. März 1846) diente.

Aber wir wollen von Erdeborn nicht Abschied nehmen, ohne des trefflichen Geschichtschreibers der Grafschaft zu gedenken, der, auch im Erdeborner Pfarrhause, am 3. Mai 1827 das Licht der Welt erblickte und seit dem 29. Januar 1860 als Gehilfe seines alten Vaters das Pfarramt zu Erdeborn bekleidete: Karl Hermann Heine. Er schwang sich nicht auf zu weiten Fluge in alle Fernen der Geschichte und der Länder, aber wie er forschend und sammelnd und darstellend seiner mansfeldischen Heimat diente, das erscheint uns fast noch preiswürdiger als das weltmännischere Wirken des anderen Erdeborner Pastorsohnes. Die Grafschaft Mansfeld und die Herrschaft Querfurt hatten es ihm angetan, er betrat hier ein quellenreiches, aber noch unbeackertes Feld, und, ohne seine Kräfte an Einzelnem und Kleinigkeiten zu zersplittern, stellte er sich Jahr um Jahr eine große Forscheraufgabe, deren Gegenstand er in der Heimatgeschichte suchte. Eine seiner ältesten und vielseitigsten Arbeiten ist der „Wandertag an den beiden Mansfelder Seen“, eine geschichtliche Landschaftsbeschreibung, über der heute ein unverlöschbarer Glanz der Verklärung zu liegen scheint, weil durch die Darstellung, die sich jedes Gefühlsmäßigen keusch enthält, doch die zärtliche Schönheit des verschwundenen Sees leuchtet. Grundlegend aber waren Heines Arbeiten über „die alte Herrschaft Querfurt“, (die er bescheiden eine historisch-topographische Skizze nannte), über Wichmann von Seeburg, den großen und sechzehnten in der Reihe der Magdeburger Erzbischöfe, über „Schloß Seeburg und seine Bewohner“ eine ganz hevorragende Quellenstudie -, über Erzbischof Ruprecht von Querfurt-Mansfeld u.s.w. Neben der Geschichte Erdeborns schrieb er die des Filials Lüttchendorf und des ebenfalls einst zum Oberamt Eisleben gehörigen Dorfes Ober-Rißdorf. Doch sind dies nur seine wichtigsten Arbeiten. Er starb als Emeritus am 27. März 1914 in Halle und liegt auf dem Laurentiusfriedhofe begraben.

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