Amt Erdeborn

– Rittergut Amt Erdeborn und ihre Besitzer –

Joachim Rusche (* 16.11.1912 – † 2004), der Sohn des letzten Besitzers, Kurt Rusche, schreibt folgendes:

„Aus gelöschten Pfandbriefen, die noch in meinem Besitz sind, geht hervor, dass etwa bis 1870 Rttgt. Amt Erdeborn im Eigentum von Friedrich Curt Fabian Emil Graf von Schwerin, wohnhaft in Bohrau bei Oels (Schlesien) gewesen ist. –

Ihm folgte als Erwerber Wilhelm Marckwald bis 1914.

Kurt Rusche

Mein Vater, Kurt Rusche (Bild), Halle /S., Gut Ruscheshof, kaufte 1914 das Rttgt. Amt Erdeborn in einer Größe von ca. 317 ha. Der Gutshof bestand aus 3 Höfen mit heruntergewirtschafteten Gebäuden. Im Laufe von 20 Jahren ließ mein Vater die Höfe zu einem Gutshof arrondieren (abrunden, zusammenlegen). Zur Planierung mussten bis zu einem Meter Tiefe Erdebewegungen vorgenommen werden. Erst dann konnten Stallungen und Wirtschaftsgebäude, sowie 2 Häuser mit je 4 – 5 Wohnungen für Bedienstete des Betriebes, gebaut werden. Die auf eigenem Feld bestehende Kiesgrube half dabei, die Baukosten zu senken. Der damalige Inspektor Sebastian verstand es mit seinem Organisationstalent die zusätzlichen Aufgaben, neben den landwirtschaftlichen Arbeiten zu bewältigen. – Ende 1945 übergab mir mein Vater den landw. Besitz Amt Erdeborn, und ich wohnte dort mit Frau und Tochter bis zur Enteignung durch die Bodenreform 1945. Um Gefahren zu entgehen verließ ich mit Familie Haus und Hof. –

Eine Erklärung für diejenigen, die durch ehrabschneidende Begriffe falsch unterrichtet wurden, und das auch glaubten, nachfolgende Erläuterungen zum Herkommen meiner Familie:
Meine Vorfahren stammen aus der Magdeburger Börde. In Etgersleben lebten sie als sogen. Anspänner, d.h. Besitzer von ein oder zwei Gespannen, mit denen Feldarbeit auf eigenem Land oder Fuhrdienste geleistet wurden; auch Kaufleute kamen später hinzu. –

Mein Großvater, Reinhold Rusche, war Pächter des den Francke´schen Stiftungen in Halle gehörenden landwirtschaftlichen Betrieb in Reideburg. Durch Einheirat kam Land südl. der Stadt Halle /S. vor der Kasseler Bahnlinie an der Merseburger Str. in die Familie. Durch Zukauf und Pachtung konnte um 1880 ein Gutsbetrieb errichtet werden. Für die Hallenser wurde dies ein Begriff, „Gut Ruscheshof“.

Gutshof Erdeborn

Gutshof Erdeborn

Nach Heirat meines Vaters bewirtschaftete er diesen Gutsbetrieb. Gut Ruscheshof wurde 1938 an die Stadt Halle verkauft und zurückgepachtet. Mit dieser Transaktion konnten die Güter Erdeborn, Hergisdorf und Kreisfeld finanziell entlastet werden. – Nur durch Ehrlichkeit und Fleiß, sowie Können und Unternehmungsmut wurden all diese Werte, wie in den geschilderten Fällen, geschaffen, die auch der Allgemeinheit zu Gute kamen. Eine Aufgabe, für die nachfolgende Generation, dies als Vorbild zu nehmen und nachzueifern. –

Im Zuge der Bodenreform wurde mein Vater mit 65 Jahren – auch als Pächter – von Haus und Hof mittellos und ohne Rente vertrieben. –

Diese Willkür trug er mit Würde. Er starb im November 1961.

Offenbach a. M., 18.12.1993
Joachim Rusche“


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1918 – 1939

Gutsinspektor Hermann Sebastian über das Rittergut
und seinen Erfahrungen in der Landwirtschaft:

Das Rittergut Amt Erdeborn liegt im Mansfelder Seekreis in einer Höhenlage von 140 m. Das Gesamtareal ist 1300 Morgen groß, davon 1260 Morgen Acker, 8 Morgen Wiese, 4 Morgen Koppel – als Viehauslauf – , 2 Morgen Garten und 16 Morgen Anpflanzung, der Rest Wege und Hofraum.Die Viehhaltung besteht aus 24 Ackerpferden (schwere Belgier), 7 Fohlen, 100 Stück Rindvieh – davon 40 Milchkühe – , schwarzbuntes Niederungsvieh, 20 Zugochsen, der Rest ist Jungvieh, 500 – 600 Schafen – Merinofleischschaf – und 30 – 50 Schweinen. Die Hoflage ist gut, die Wirtschaftsgebäude sind vollständig neu auf- und umgebaut, nach einheitlichem Plan, so dass man von einer wirklich praktischen Hofeinrichtung sprechen kann, die dem Gesichtspunkt der Arbeitsersparnis in weitestem Maße Rechnung trägt.
Die Viehställe sind mit Selbsttränken – aus Tonschalen – versehen, die vor den Futterkrippen angebracht sind. Diese Art der Selbsttränken hat insofern eine praktische Bedeutung, als man jederzeit beobachten kann, ob genügend Wasser in den Tränken vorhanden ist und die Reinigung, bei reingefallenen Futterresten, schneller und besser vor sich geht. Das Jungvieh ist in einem Laufstall untergebracht und wird nach verschiedenen Altersklassen getrennt aufgezogen. Zwischen Kuhstall und Ochsenstall liegt die Futterscheune. Über dem Futterhaus ist der Häcksel- und darüber der Spreuboden. Der in der Häckselkammer aufgestellte 10 PS Elektromotor wird gleichzeitig noch für die Schrotmühle und den Spreusaugeapparat verwendet. Der Spreusaugeapparat ist ein Fabrikat der Firma Jäger, Halle (Saale), der mit wenig Kraftverbrauch in 5 bis 10 Minuten eine Fuhre Spreu auf den Spreuboden saugt. Zur weiteren Arbeitsersparnis geht ein Rohr vom Spreu- und Häckselboden nach der Futterkammer.

Schafherde im Gutshof

Schafherde im Gutshof

In der großen Hofscheune können von 400 bis 500 Morgen und in der Schäfereischeune von 200 bis 300 Morgen Getreide untergebracht werden. In beiden ist ein Höhenförderer mit Seitenförderung feststehend eingebaut. Dadurch ist es möglich, sämtliches Getreide von einer Stelle aus in jedes dafür bestimmte Scheunenfach zu bringen. Beide Höhenförderer werden mit elektrischen Motoren getrieben. Neben den beiden feststehenden Höhenförderern ist noch ein fahrbarer für alle im Betriebe vorkommenden Gebrauchsmöglichkeiten vorhanden.

Der Boden, humoser Lehmboden, zum Teil tonig, mit Lehm- und Tonuntergrund, ist als mittel bis gut zu bezeichnen. Erdeborn liegt im Regenschatten des Harzes und ist niederschlagsarm, die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge beträgt 450 mm.

Durch den intensiv betriebenen Kupfer-, Kali- und Kohlenbergbau sind die im Boden vorhandenen Grundwasser zum versiegen gekommen, dadurch ist der Boden schnell durchlässig geworden, so dass selbst nach Niederschlägen bis zu 20 mm die Bestellungs- und Hackarbeiten am nächsten Tage wieder verrichtet werden können. Die Flur liegt nach 4 Seiten des Dorfes, mit einer durchschnittlichen Entfernung von 2 bis 3 km vom Hofe. Die Flur ist im allgemeinen stark kupiert und weist Höhenunterschiede bis zu 50 m auf. Das Hauptkennzeichen der Ackerwirtschaft ist Zuckerrüben- und Samenbau.

Für die Ernte 1926 sind angebaut:

220 Morgen Winterweizen,
120 Morgen Roggen,
80 Morgen Wintergerste,
150 Morgen Sommergerste,
100 Morgen Hafer,
80 Morgen Erbsen,
40 Morgen Rübensamen,
40 Morgen Mohn,
200 Morgen Zuckerrüben,
100 Morgen Kartoffeln,
100 Morgen Luzerne,
30 Morgen Gelbklee,
Zus. 1260 Morgen.

Die Zuckerfabrik ist im Orte und seit 1865 im Betriebe. Der Vorbesitzer, der wohl besonders an der Zuckerfabrik interessiert war, trieb sehr starken Zuckerrübenanbau, sodass der jetzige Besitzer wegen Rübenmüdigkeit des Bodens den Anbau der Zuckerrübe stark einschränken musste. Seit meiner wirtschaftlichen Tätigkeit (1919) ist der Zuckerrübenanbau von 300 auf 200 Morgen eingeschränkt, so das aller 4 – 5 Jahre Zuckerrüben auf den einzelnen Schlägen folgen. Eine bestimmte Fruchtfolge wird nicht befolgt, es wechseln Halm- und Hackfrüchte, als Zwischenfrucht werden Kartoffeln, Gelbklee, Erbsen und Luzerne angebaut. Das Prinzip, den Zuckerrübenanbau zu verringern, hatte eine Steigerung der Gesamterträge zur Folge. Die Stallmistdüngung erfolgt aller 3 – 4 Jahre; Luzernenschläge stehen in der Regel 3 Jahre und erhalten erst nach 3 Jahren Stallmist, weil die Luzerne soviel Stickstoff in dem Boden angesammelt hat, dass man bequem nach dem Umbrechen 2 – 3 Ernten ohne Stallmist auskommt.

Gespann im Gutshof

Gespann im Gutshof

Als bestwirkender Kopfdünger hat sich in hiesigem Betriebe Natronsalpeter bewährt. Kalkstickstoff und schwefelsaures Ammoniak wirken nach meinen Mehrjährigen Erfahrungen am schlechtesten. Die schlechtesten Rübenernten fallen in die Jahre, in denen ich schwefelsaures Ammoniak und Kalkstickstoff angewandt hatte. Kalkstickstoff wird hier nur noch im Herbst zu Wintergetreide gegeben, ebenso lässt sich schwefelsaures Ammoniak zur Herbstbestellung am besten verwenden, während Kaliammonsalpeter ein ausgezeichneter Dünger für die Sommergerste ist.

In hiesiger Wirtschaft hat die Stickstoffdüngung zu Erbsen keinen Erfolg gezeigt. Ich habe mehrere Jahre auf den verschiedenen Schlägen Versuche angestellt, die Stickstoffgaben von 0,25 bis 1 Ztr. erhöht und nie eine Wirkung im Erdruschergebnis beobachten können.


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1949

Aus den Gemeindeakten:

30. Juni 1949
Der Antrag der MAS zwecks Überlassung des ehemaligen Herrenhauses Rusche zum Ausbau eines Kulturhauses wird mit 10:1 Stimmen zugestimmt. Bedingungen DM 2.000,- als Entschädigung für die bisherigen Nutzerben, Lieferung des Materials für den Ausbau eines neuen Verwaltungsgebäudes. Ein Auszugstermin wird nicht festgelegt.

30.September 1949
Herr W. Dietrich übergab dem Bürgermeister Herrn Thürmer das Wort zur weiteren Aufklärung. Es handelt sich um die Übergabe des Verwaltungsgebäudes an die MAS als Kulturhaus bzw. an den Kreis als Ambulatorium. Die Gemeindevertretung beschloss mit 13:1 Stimmen den Beschluss vom 30.6.1949, der MAS das Gebäude zu übergeben, aufrecht zu halten.

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